Ein Unterrichtsentwurf ist zwei Dinge gleichzeitig: dein Planungswerkzeug für eine konkrete Stunde und ein Prüfungsdokument, an dem Fachleitung und Prüfungskommission ablesen, wie du denkst. Genau diese Doppelrolle macht ihn so anstrengend. Für die Stunde selbst würde dir ein Verlaufsplan auf einer Seite reichen. Für die Bewertung musst du zeigen, warum du dich so entschieden hast.
Die Studienseminare haben dafür jeweils eigene Vorgaben, und die unterscheiden sich mehr, als man im ersten Semester glaubt. Dieser Ratgeber beschreibt deshalb nicht „den einen richtigen“ Entwurf, sondern den Kern, der fast überall gleich ist, und zeigt dir, wo du die Vorgaben deines Seminars nachschlagen musst.
Wozu der Entwurf da ist
Die Kultusministerkonferenz beschreibt in ihren Standards für die Lehrerbildung als erste Kompetenz: Lehrkräfte „planen Unterricht unter Berücksichtigung unterschiedlicher Lernvoraussetzungen und Entwicklungsprozesse fach- und sachgerecht und führen ihn sachlich und fachlich korrekt durch“. Für die praktische Ausbildungsphase heißt das unter anderem, fachwissenschaftliche und fachdidaktische Argumente zu verknüpfen und Inhalte, Medien und Methoden „unter Bezug auf Curricula“ auszuwählen.
Übersetzt in die Sprache des Entwurfs: Jede Entscheidung braucht einen Grund, und dieser Grund hat fast immer mit deiner Lerngruppe zu tun. Das Studienseminar GHRF Darmstadt bringt es in seiner Handreichung auf zwei Leitfragen: „Warum mache ich was für wen?“ für die didaktische und „Wie mache ich was für wen?“ für die methodische Begründung. Wenn du beim Schreiben jeden Abschnitt an diesen Fragen misst, bist du schon weiter als viele Erstentwürfe.
Skizze, Kurzentwurf, ausführlicher Entwurf
Nicht jeder Unterrichtsbesuch verlangt den vollen Umfang. Viele Seminare unterscheiden zwischen einer kurzen Form (Skizze, Kurzentwurf, Stundenplanung) und dem ausführlichen Entwurf, etwa für Prüfungslehrproben. Ein konkretes Beispiel aus Hessen:
| Studienseminar GHRF Darmstadt | Skizze | Entwurf |
|---|---|---|
| Höchstumfang | 4 Seiten inkl. Verlaufsplan | 6 Seiten inkl. Verlaufsplan |
| Lernvoraussetzungen | ja (max. 1 Seite) | ja (max. 1 Seite) |
| Zielsetzung der Einheit | – | ja |
| Begründung der didaktischen Schwerpunktsetzung | bezogen auf die Stunde | bezogen auf Stunde und Einheit |
| Begründung methodischer Entscheidungen | – | ja |
| Verlaufsplan, Literatur, Anhang | ja | ja |
Andere Seminare setzen die Grenzen anders, manche zählen den Verlaufsplan nicht mit, manche verlangen eine Sachanalyse als eigenes Kapitel. Lies deshalb als Erstes die Handreichung deines Seminars und markiere dir drei Dinge: Seitenzahl, Pflichtkapitel und Formalia (Schrift, Zeilenabstand, Ränder). Wenn es keine schriftliche Handreichung gibt, frag deine Fachleitung nach einem Entwurf, den sie für gelungen hält.
Der typische Aufbau
Die Reihenfolge der Kapitel variiert, die Bausteine sind erstaunlich stabil. In fast jedem ausführlichen Entwurf findest du:
- Deckblatt mit den organisatorischen Daten: Schule, Klasse, Anzahl der Schülerinnen und Schüler, Datum, Uhrzeit, Raum, Thema der Einheit und der Stunde, Ausbildende. In Darmstadt gehört auch die Zielsetzung der Stunde aufs Deckblatt.
- Lernvoraussetzungen (oft „Lerngruppenanalyse“): Was können die Schülerinnen und Schüler bezogen auf diese Stunde schon, wo liegen Schwierigkeiten, wie arbeitet die Gruppe zusammen?
- Einordnung in die Unterrichtseinheit: Was kam vorher, was kommt danach, welche Funktion hat die Stunde in der Reihe?
- Sachanalyse: der fachliche Kern des Gegenstands, so knapp wie möglich und so genau wie nötig.
- Didaktische Begründung: Warum dieser Inhalt, in dieser Auswahl und Schwerpunktsetzung, für diese Gruppe? Mehr dazu im Ratgeber Didaktische Begründung schreiben.
- Methodische Begründung: Warum diese Methoden, Sozialformen und Medien, und welche Alternativen hast du verworfen?
- Lernziele: ein Stundenziel und wenige überprüfbare Teilziele. Siehe Lernziele formulieren.
- Verlaufsplan: die Stunde als Tabelle mit Phasen, Zeiten, Handlungen, Sozialformen und Medien. Siehe Verlaufsplan erstellen, inklusive Rechner.
- Literatur und Hilfsmittel: fachwissenschaftliche, fachdidaktische und pädagogische Literatur, Internetquellen mit Datum, und je nach Vorgabe die Angaben zur KI-Nutzung.
- Anhang: Material, Tafelbild oder erwartetes Ergebnis, Sitzplan, bei Prüfungen gegebenenfalls eine Versicherung der Eigenständigkeit.
In welcher Reihenfolge du schreibst
Der häufigste Fehler beim Schreiben ist, vorne anzufangen. Wer mit dem Deckblatt und der Lerngruppenanalyse beginnt, schreibt seitenweise allgemeine Beschreibungen, die später nicht zur Stunde passen. Besser funktioniert diese Reihenfolge:
- Stundenziel festlegen. Ein Satz: Was sollen die Schülerinnen und Schüler am Ende können, das sie vorher nicht konnten? Wenn dir dieser Satz schwerfällt, ist die Stunde noch nicht klar.
- Sicherung planen. Wie wird sichtbar, dass das Ziel erreicht ist? Ein Tafelbild, eine Aufgabe, eine kurze Präsentation? Die Sicherung ist der Prüfstein für das Ziel.
- Verlaufsplan skizzieren. Vom Ziel und der Sicherung rückwärts: Welche Erarbeitung führt dorthin, welcher Einstieg weckt die Frage, die die Erarbeitung beantwortet?
- Material erstellen und durchrechnen. Arbeitsblatt selbst lösen, Zeit stoppen, Differenzierung festlegen. Erst jetzt weißt du, ob der Plan realistisch ist.
- Begründungen schreiben. Jetzt hast du etwas zu begründen. Didaktik und Methodik beziehen sich auf konkrete Entscheidungen, die schon feststehen.
- Lernvoraussetzungen fokussieren. Beschreibe nur, was für diese Stunde relevant ist und worauf sich deine Begründungen stützen.
- Rahmen und Formalia. Deckblatt, Inhaltsverzeichnis, Literatur, Anhang, Seitenzahl prüfen.
Der rote Faden entsteht, wenn jede Aussage in der Lerngruppenanalyse irgendwo in der Begründung wieder auftaucht und jede Begründung eine Entsprechung im Verlaufsplan hat. Alles, was nirgends aufgegriffen wird, kannst du streichen.
Was in die einzelnen Kapitel gehört
Lernvoraussetzungen
Schreib keine Klassenbeschreibung, sondern eine Diagnose bezogen auf den Gegenstand: Welche Vorkenntnisse sind gesichert (woran erkennst du das?), welche Fehlvorstellungen sind zu erwarten, welche Lese-, Schreib- oder Arbeitstechniken brauchen die Schülerinnen und Schüler für die Stunde? Die Darmstädter Handreichung verlangt ausdrücklich fachliche Lernvoraussetzungen „bezogen auf die Stunde“ und erlaubt dafür auch ein Kompetenzraster statt Fließtext.
Wichtig: Nenne keine echten Namen und keine sensiblen Merkmale einzelner Kinder, wenn deine Vorgaben das nicht ausdrücklich verlangen. Die Darmstädter Handreichung lässt förderspezifische Ergänzungen zu einzelnen Schülerinnen und Schülern nur zu, „sofern dringend erforderlich“, und dann im Anhang.
Sachanalyse
Die Sachanalyse ist kein Lexikonartikel. Sie zeigt die Struktur des Gegenstands so, wie du ihn für die Stunde zuschneidest: zentrale Begriffe, Zusammenhänge, typische Schwierigkeiten. Verweise auf Fachliteratur statt auf Schulbücher, wo es geht, und halte sie kurz, wenn deine Vorgaben keine eigene Sachanalyse verlangen.
Didaktische und methodische Begründung
Hier wird der Entwurf bewertet. Die Begründung erklärt Auswahl, Schwerpunkt und Reduktion des Inhalts und bezieht sich ausdrücklich auf die Lerngruppe. Wolfgang Klafkis Fragen der didaktischen Analyse (Gegenwarts- und Zukunftsbedeutung, exemplarische Bedeutung, Struktur, Zugänglichkeit) sind dafür nach wie vor ein gutes Gerüst. Die methodische Begründung erklärt, warum Sozialform, Methode und Medien das Ziel für diese Gruppe am besten erreichbar machen, und nennt verworfene Alternativen.
Lernziele und Verlaufsplan
Ziele und Verlauf gehören zusammen. Jedes Teilziel sollte in einer Phase erarbeitet und in einer Phase sichtbar werden. Und jede Phase sollte auf ein Ziel einzahlen. Wenn eine Phase keinem Ziel dient, frag dich, ob du sie brauchst. Die Zeiten im Verlaufsplan müssen exakt die Stundenlänge ergeben; das klingt banal, ist aber einer der häufigsten Randkommentare.
Literatur, Hilfsmittel, Anhang
Gib nur Literatur an, die du für Einheit und Stunde tatsächlich genutzt hast, mit Ort, Jahr und Auflage; Internetquellen mit genauer Adresse und Abrufdatum. Viele Seminare verlangen inzwischen eine Unterteilung in „Literatur“ und „Hilfsmittel“, in der auch KI-Werkzeuge stehen. Der Anhang enthält alles, was man braucht, um die Stunde nachzuvollziehen: Material, erwartete Lösungen, Tafelbild, Sitzplan.
Umfang und Formalia
Seitengrenzen sind ernst gemeint. Ein Entwurf, der zwei Seiten über der Vorgabe liegt, signalisiert, dass du nicht auswählen konntest, und genau das ist eine Kernkompetenz der Unterrichtsplanung. Als Beispiel für typische Formalia: Darmstadt nennt 12 pt Times New Roman oder 11 pt Arial, 1,5-zeiligen Abstand und Ränder von 2,5 cm oben, unten und links sowie 1,5 bis 2 cm rechts; Verlaufsplan und Fußnoten dürfen kleiner gesetzt werden (mindestens 8 pt, einzeilig).
Wenn du kürzen musst, kürze zuerst allgemeine Aussagen in Lerngruppenanalyse und Sachanalyse, dann Wiederholungen zwischen Didaktik und Methodik. Nie kürzen solltest du die Verbindung zwischen Zielen, Verlauf und Begründung.
KI beim Schreiben: erlaubt, aber nicht unsichtbar
Die meisten Länder verbieten KI im Vorbereitungsdienst nicht pauschal, verlangen aber Transparenz. In Niedersachsen etwa ist für Entwürfe in der Staatsprüfung verbindlich geregelt, dass KI-gestützte Textteile wie Zitate zu kennzeichnen sind, mit einer Fußnote zu Werkzeug, Version, Anbieter und den verwendeten Prompts, und dass der Prompt-Dialog ausgedruckt in den Anhang gehört. In Darmstadt wird KI-Nutzung im Abschnitt „Hilfsmittel“ des Literaturverzeichnisses dokumentiert, und personenbezogene Daten dürfen nicht an KI-Werkzeuge übermittelt werden.
Einen Überblick über die Regeln und Musterformulierungen findest du im Ratgeber KI im Referendariat.
Die häufigsten Fehler
- Allgemeine Lerngruppenbeschreibung ohne Bezug zur Stunde („Die Klasse ist lebhaft und interessiert“).
- Begründung im Konjunktiv der Lehrbücher: Sätze, die für jede Klasse gelten würden. Prüfstein: Würde der Satz auch in einem Entwurf für eine andere Gruppe stehen können?
- Ziele als Tätigkeiten („Die SuS bearbeiten das Arbeitsblatt“) statt als überprüfbare Ergebnisse.
- Verlaufsplan, der nicht aufgeht: Summe stimmt nicht, Sicherung fehlt oder ist zu knapp, Übergänge sind nicht eingeplant.
- Teilziele, die im Verlauf nicht vorkommen, oder Phasen, die keinem Ziel dienen.
- Überlänge und Formalia, die nicht der Handreichung entsprechen.
- Nicht angegebene Hilfsmittel, inklusive KI.
Vor der Abgabe
Lies den Entwurf einmal nur mit einer Frage: Kann jemand, der deine Klasse nicht kennt, nachvollziehen, warum die Stunde so geplant ist? Dann einmal mit dem Rechenstift: Zeitsumme, Seitenzahl, Kapitel laut Vorgabe. Eine ausführliche Liste mit Zeitplan findest du in der Checkliste zum Unterrichtsbesuch.
Genau diese formalen Punkte prüft der kostenlose Kurzcheck von Entwurfsreif automatisch: Zeitsumme des Verlaufsplans, Reihenfolge der Phasen, erkennbare Kapitel und Seitenzahl. Den Text schreibt er dir nicht, er zeigt nur, wo es hakt.
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