Ratgeber

Lernziele formulieren, die man überprüfen kann

Ein gutes Lernziel beschreibt ein beobachtbares Ergebnis. Wie du Stundenziel und Teilziele formulierst und mit dem Verlaufsplan verbindest.

6 Min. LesezeitStand: 29.10.20266 Quellen

Über kaum einen Teil des Entwurfs wird in Seminaren so viel gestritten wie über Lernziele. Die einen wollen „Kompetenzerwartungen“, die anderen „Feinziele“, manche ein Stundenziel mit drei Teilzielen, andere eine Kompetenz und einen Schwerpunkt. Hinter den unterschiedlichen Begriffen steckt aber dieselbe Anforderung: Du sollst vorher sagen können, was die Schülerinnen und Schüler am Ende der Stunde können, und es soll sichtbar werden, ob sie es können.

Stundenziel, Teilziele, Kompetenzen

Die meisten Entwürfe arbeiten mit einer zweistufigen Struktur:

  • Stundenziel (auch Hauptlernziel, Schwerpunktziel, angestrebter Kompetenzzuwachs): ein Satz, der das zentrale Ergebnis der Stunde beschreibt.
  • Teilziele (auch Feinziele, Teilkompetenzen): zwei bis vier Schritte, die zum Stundenziel führen und einzeln im Verlauf sichtbar werden.

Seit Einführung der Bildungsstandards formulieren viele Seminare kompetenzorientiert. Die Bildungsstandards der KMK beschreiben, welche Kompetenzen Schülerinnen und Schüler bis zu einem bestimmten Abschluss erworben haben sollen; die Lehrpläne der Länder übersetzen das in Jahrgangs- und Fachvorgaben. Für den Entwurf heißt das: Dein Stundenziel ist ein kleiner, überprüfbarer Schritt hin zu einer Kompetenz aus dem Lehrplan. Nenne die Kompetenz, auf die die Stunde einzahlt, und formuliere das Stundenziel trotzdem so konkret, dass man es in 45 Minuten beobachten kann.

Der Bauplan eines Lernziels

Robert F. Mager hat schon in den 1960er-Jahren beschrieben, was ein brauchbares Lernziel enthält. Seine drei Bestandteile sind bis heute ein guter Prüfstein:

  1. Beobachtbares Verhalten: Was tun die Lernenden, das man sehen oder lesen kann? (nennen, erklären, berechnen, begründen)
  2. Bedingungen: Womit, woran, unter welchen Umständen? (an einem Beispieltext, mithilfe der Kreisdarstellung, ohne Wörterbuch)
  3. Maßstab: Woran erkennt man, dass es gelungen ist? (mindestens drei Merkmale, korrekt in zwei von drei Fällen, mit Fachbegriff)

Nicht jedes Seminar verlangt den Maßstab ausdrücklich. Aber wenn du ihn beim Schreiben mitdenkst, ergibt sich die Sicherungsphase fast von selbst.

Eine bewährte Satzform

Die Schülerinnen und Schüler können [Operator] [Inhalt], indem sie [Tätigkeit im Unterricht] [Bedingung/Material].

Beispiel: Die Schülerinnen und Schüler können die Wirkung von zwei sprachlichen Mitteln in der Kurzgeschichte erläutern, indem sie Textbelege markieren und ihre Deutung in einem Satz begründen.

Der „indem“-Teil verbindet das Ziel mit dem Verlaufsplan. Er beschreibt den Weg, nicht das Ziel. Achte darauf, dass das Ziel vor dem „indem“ auch allein stehen kann.

Operatoren und Anforderungsbereiche

Operatoren sind die Verben, die festlegen, welche Leistung erwartet wird. In den Bildungsstandards und Abiturvorgaben der KMK werden Aufgaben drei Anforderungsbereichen zugeordnet. Für die Zielformulierung im Entwurf ist diese Einteilung nützlich, weil sie hilft, das Niveau der Stunde bewusst zu wählen:

AnforderungsbereichWas verlangt wirdTypische Operatoren
I – ReproduktionBekanntes wiedergeben und beschreibennennen, angeben, beschreiben, wiedergeben, zusammenfassen
II – Reorganisation und TransferBekanntes selbstständig ordnen, erklären, auf Neues anwendenerklären, erläutern, vergleichen, einordnen, anwenden, berechnen
III – Reflexion und Problemlösungbegründet urteilen, eigene Lösungen entwickelnbeurteilen, bewerten, begründen, entwickeln, Stellung nehmen

Die genaue Operatorenliste unterscheidet sich zwischen Fächern und Ländern. Nutze die Liste deines Fachs aus den Lehrplan- oder Abiturmaterialien deines Landes. Die revidierte Lernzieltaxonomie von Anderson und Krathwohl (erinnern, verstehen, anwenden, analysieren, bewerten, erschaffen) ist eine weitere verbreitete Ordnung, besonders in der Lehrkräftebildung.

Verben, die du vermeiden solltest

verstehen, kennen, wissen, sich bewusst werden, kennenlernen, sich auseinandersetzen mit. Sie beschreiben innere Zustände, die man nicht beobachten kann. Frag dich jeweils: Woran würde ich in der Stunde erkennen, dass sie es verstanden haben? Das, was du dann beschreibst, ist dein Operator.

Beispiele aus fünf Fächern

Die folgenden Beispiele zeigen jeweils eine schwache und eine überarbeitete Fassung. Sie sind bewusst kurz gehalten; in deinem Entwurf kommen die Bedingungen deiner Lerngruppe dazu.

Deutsch, Klasse 9

Schwach: Die SuS lernen die Kurzgeschichte „Das Brot“ kennen.
Besser: Die SuS können das Verhalten der Frau am Ende der Kurzgeschichte deuten, indem sie zwei Textstellen als Beleg heranziehen und ihre Deutung in einem Satz begründen.

Mathematik, Klasse 6

Schwach: Die SuS verstehen, wie man Brüche vergleicht.
Besser: Die SuS können zwei Brüche mit unterschiedlichen Nennern mithilfe von Kreisdarstellungen vergleichen und ihre Entscheidung begründen.

Biologie, Klasse 7

Schwach: Die SuS beschäftigen sich mit der Fotosynthese.
Besser: Die SuS können anhand eines Versuchsergebnisses erklären, dass Pflanzen für die Bildung von Stärke Licht benötigen.

Englisch, Klasse 8

Schwach: Die SuS üben das Present Perfect.
Besser: Die SuS können in einem kurzen Dialog über eigene Erfahrungen mindestens drei Fragen und Antworten im Present Perfect formulieren.

Geschichte, Klasse 10

Schwach: Die SuS bearbeiten Quellen zum Mauerbau.
Besser: Die SuS können zwei Quellen zum Mauerbau 1961 hinsichtlich ihrer Perspektive vergleichen und beurteilen, welche Absicht die Verfasser jeweils verfolgen.

Teilziele: wie viele und wie genau?

Zwei bis vier Teilziele sind für eine Einzelstunde realistisch. Mehr lassen sich in 45 Minuten kaum sichtbar machen, und jedes zusätzliche Ziel braucht eine Phase, in der es erreicht, und einen Moment, in dem es überprüft wird. Teilziele sollten:

  • gemeinsam zum Stundenziel führen (keine Nebenschauplätze),
  • in einer erkennbaren Reihenfolge aufeinander aufbauen,
  • unterschiedliche Anforderungsbereiche abdecken, wenn das zur Stunde passt,
  • bei Bedarf überfachliche Ziele enthalten (Kooperation, Präsentation, Medienkompetenz), aber nur, wenn sie in der Stunde wirklich gefördert und beobachtet werden.

Ziele differenzieren

In heterogenen Lerngruppen erreichen nicht alle dasselbe Ziel in derselben Tiefe. Viele Seminare erwarten deshalb, dass du Ziele nach Niveau staffelst, statt ein Ziel für alle zu formulieren und die Differenzierung nur im Material zu verstecken. Ein einfaches Muster:

  • Grundniveau (alle): Die SuS können zwei Brüche mit gleichem Zähler vergleichen.
  • Regelniveau (die meisten): Die SuS können zwei Brüche mit unterschiedlichen Nennern mithilfe der Kreisdarstellung vergleichen und begründen.
  • Erweitertes Niveau (einige): Die SuS können eine allgemeine Regel für den Vergleich formulieren und an einem Gegenbeispiel prüfen.

Wichtig ist, dass das gestaffelte Ziel zu deinen Lernvoraussetzungen passt und im Material tatsächlich angelegt ist. Drei Niveaus auf dem Papier ohne entsprechende Aufgaben wirken in der Nachbesprechung schnell wie Dekoration.

Überfachliche Ziele

Viele Entwürfe nennen neben dem fachlichen Stundenziel ein soziales oder methodisches Ziel, etwa „Die SuS können in Partnerarbeit Aufgaben fair aufteilen“. Das ist sinnvoll, wenn die Stunde dieses Ziel wirklich fördert und du es beobachten kannst. Es wird zum Problem, wenn es nur die Sozialform rechtfertigen soll. Prüfe: Gibt es in der Stunde einen Moment, in dem du das überfachliche Ziel thematisierst, zum Beispiel eine kurze Reflexion über die Zusammenarbeit? Wenn nicht, lass es weg und begründe die Sozialform in der Methodik.

Ziele mit dem Verlaufsplan verbinden

Die wichtigste Prüffrage für Lernziele stellt sich nicht im Zielkapitel, sondern im Verlaufsplan: In welcher Phase wird jedes Teilziel erarbeitet, und in welcher wird es sichtbar? Trag die Teilziele als Kürzel (TZ 1, TZ 2 …) in eine Spalte des Verlaufsplans ein. Dann siehst du sofort:

  • ein Teilziel, das in keiner Phase auftaucht – streichen oder einplanen,
  • eine Phase ohne Teilziel – begründen (Organisation, Motivation) oder kürzen,
  • ein Teilziel, das nur erarbeitet, aber nie gesichert wird – Sicherung ergänzen.

Genau diese Zuordnung zwischen Zielen und Phasen ist eine der Fragen, die die vollständige Prüfung von Entwurfsreif stellt. Den Rechner für die Zeiten findest du im Ratgeber Verlaufsplan erstellen.

Häufige Fehler

  • Tätigkeit statt Ergebnis: „Die SuS lesen den Text“ ist eine Aktivität. Das Ziel ist, was sie danach können.
  • Nicht beobachtbare Verben: verstehen, kennen, erfahren.
  • Zu groß für eine Stunde: „Die SuS können Gedichte interpretieren“ ist ein Ziel für ein Schuljahr.
  • Zu viele Teilziele: sechs Feinziele in 45 Minuten sind ein Warnsignal.
  • Ziel und Sicherung passen nicht: Das Ziel verlangt Beurteilen, die Sicherung fragt nur Begriffe ab.
  • Kompetenz ohne Konkretisierung: Nur die Lehrplankompetenz abzuschreiben ersetzt kein Stundenziel.

Kurzcheck für deine Ziele

  1. Kann man das Stundenziel in einem Satz vorlesen, ohne zu stocken?
  2. Enthält es einen beobachtbaren Operator?
  3. Ist es in dieser Stunde erreichbar?
  4. Hat jedes Teilziel eine Phase im Verlaufsplan, und wird es dort sichtbar?
  5. Passt das Niveau (Anforderungsbereich) zur Lerngruppe, und begründest du das in der Didaktik?

Entwurf fertig? Lass ihn prüfen, bevor die Fachleitung es tut.

Der Kurzcheck ist kostenlos und sofort da: Zeitsumme, Phasen, Gliederung, Seitenzahl. Die vollständige Prüfung kostet 4,99 € pro Entwurf, ohne Abo.

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